Foto: Florian Wendler
Die Konzepte für die neue Carolabrücke gehen langsam in die heiße Phase. Wie ist der Stand?
Am 18.03. begann die Bürgerbeteiligung zum Ersatzneubau der eingestürzten Carolabrücke. Die vier beauftragten Planungsbüros standen im Foyer des neuen Stadtforums für Fragen & Anregungen vor Ort zur Verfügung. Erfreulich: Das Haus war voll, das Interesse hoch. Am Abend schloss ein Podium mit dem Baubürgermeister Stephan Kühn, der Projektleiterin des Neubaus auf Seite der Stadt sowie den Planungsbüros an. Der Raum war bereits weit im Voraus ausgebucht und im Stadtforum wurde im Aufgang im Eingangsbereich ein Public Viewing zum Live-Stream veranstaltet, damit auch alle die, die kein Ticket mehr bekommen hatten, das Gespräch direkt im Anschluss vor Ort verfolgen konnten. Am gleichen Tag tagte auch erneut das Begleitgremium, in dem wir als BUND Dresden vertreten sind.
Im Voraus sorgte der Massivbau-Professor Steffen Marx erneut für Wirbel, indem er den Stadtratsbeschluss zu vier Autospuren noch einmal offen in Frage stellte und für eine "Interpretation des Stadtratsbeschlusses" warb. Bspw. steht die Idee zwei Streifen nur für Busse und Taxis zu nutzen im Raum.
Ein kurzer Rückblick: Von der Verwaltung wurde letztes Jahr eine „bedarfsgerechte“ Planung der Brücke vorgeschlagen. Die Planungsbüros sollten sich anhand von Verkehrsdaten und -prognosen verschiedene Vorschläge und Szenarien inkl. Kosten einreichen. Die Zahl der Kfz-Streifen wäre dabei Ergebnis der Planung des siegreichen Entwurfs gewesen. Auch wir als BUND hatten uns für diese Variante eingesetzt. Dem kam jedoch ein Stadtratsbeschluss zuvor, der „auf der Basis von nichts“ (Prof. Marx) vier Spuren als verbindliches Planungskriterium festzurrte. Auch entsprechende Stellungnahmen verschiedener weiterer verkehrswissenschaftlicher Einrichtungen konnten daran nichts ändern.
Spannend war, dass alle Planungsbüros dennoch auf verschiedene Weisen das Thema weniger Kfz-Streifen aufgriffen: Von einem Alternativentwurf mit nur zwei Spuren im Mittelbereich bis vier Spuren, wovon jedoch von Anfang an nur zwei als breitere Stadtpromenade genutzt werden (können). (siehe Grafik rechts)
Ein Planungsbüro hatte sogar eine animierte Verkehrssimulation dabei, die zeigt, dass zwei Spuren im Bereich über dem Fluss exakt genauso leistungsfähig sind wie vier. „Vier wo nötig, zwei wo möglich“ sei das Motto. Erst in den Uferbereichen erfolgt dann eine Auffächerung. In dem Kontext war von -23% geringeren Kosten die Rede, was bei den angesetzten Baukosten über 30 Mio. € ausmachen würde.
Wir vertreten weiterhin die Position: Vier Autospuren binden unnötig Geld, das wir mit Blick auf die leeren Stadtkassen und daraus resultierenden Kürzungspläne an anderer Stelle dringender brauchen. Für Investitionen in ÖPNV und eine ganzheitlich nachhaltige Energieversorgung, aber auch für Bildung und Kultur. Wir appellieren daher als BUND letztendlich an alle Fraktionen des Stadtrats, offen für kreative und bedarfsgerechte Entwürfe zu sein, und nicht dogmatisch an überall vier Autospuren festzuhalten. Auch wenn die Entwürfe von bereits sehr konkret bis noch ziemlich unspezifisch reichten, sind wir zuversichtlich, dass alle vier Planungsbüros finale Brückenkonzepte vorlegen werden, die sich gut ins Stadtbild einfügen und wesentliche Punkte von Naturschutz und moderner Stadtentwicklung "für den Menschen" mitdenken werden, sodass der anfängliche Schock über den Einsturz sich jetzt doch als große Chance auf einen Mehrwert für die Stadt darstellt. Wesentliche naturschutztechnische Punkte werden überall berücksichtigt, wobei hier noch viel Detailplanung aussteht.
Am 26.05. werden die finalen Entwürfe eingereicht. Der Siegerentwurf wird in einem Prozess begleitet von Expert*innen am 18.08. vom Begleitgremium gefunden. Am 04.09.2026, exakt (?) 2 Jahre nach dem Einsturz, kann der Stadtrat den vorgeschlagenen Entwurf bestätigen.
Aktuell
Nächste Runde hin zur Carola 3.0
Die Vorstellung der vier Brückenentwürfe im Begleitgremium am 26.05.2026 hat
gezeigt: Alle Planungsbüros haben gestalterisch überzeugende Lösungen vorgelegt,
die das Potenzial haben, einen großen Mehrwert für Dresden und das Elbtal zu
schaffen. Die Entwürfe unterscheiden sich vor allem in Breite, Kosten, Bauablauf und
der Art ihrer Präsentation. Hervorzuheben ist bspw. der Entwurf von FHECOR & Co, der
mit einer Breite von nur 32,5 Metern die schlankste Lösung vorlegt und gleichzeitig ein
hohes Maß an Flexibilität für die weitere Stadtentwicklung bietet. Auch der vierte
vorgestellte Entwurf von Knights Architects & Co. konnte beim Thema Stadtentwicklung
durch seine mutige Anbindung an die Elbradwege punkten. Sehr positiv fiel ebenfalls
auf, dass alle Büros kreativ über die zukünftige Anpassungsfähigkeit nachgedacht
haben.
Aus Sicht des BUND bleibt die Entscheidung des Stadtrats für vier Fahrstreifen kritisch.
Noch im Begleitgremium im März wurden anhand von Verkehrssimulationen mutige
Alternativen vorgestellt, die zeigten, dass auf der Brücke selbst zwei Fahrstreifen
ausreichend sein könnten und zusätzlicher Platz erst in den Auffächerungen hin zum
Carola- und Rathenauplatz benötigt wird. Die nun präsentierten Entwürfe mussten sich
alle dem politischen Auftrag einer vierstreifigen Brücke beugen. Wir halten diese
Vorgabe weiterhin für unnötig kostensteigernd, ressourcenintensiv und
verkehrspolitisch problematisch, da sie ein Signal zugunsten des Autoverkehrs setzt,
während gleichzeitig der Ausbau der Linie 8 in den Dresdner Norden stockt und sogar
die Fertigstellung der Campuslinie über den Wasaplatz attackiert wird. Angesichts der
derzeitigen Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat erscheint es uns jedoch wenig
zielführend, die gesamte Debatte erneut an dieser Frage festzumachen.
Ermutigend ist deshalb ein anderes Ergebnis des Wettbewerbs: Alle vier Planungsteams
haben Wege aufgezeigt, wie die Brücke künftig an veränderte verkehrspolitische
Rahmenbedingungen angepasst werden kann. Die vorgestellten Optionen reichen von
einer Verlegung der Straßenbahn von der Seiten- in die Mittellage bis hin zu einer
späteren Reduzierung von vier auf zwei Fahrstreifen. Dadurch könnten perspektivisch
zusätzliche Flächen für Radschnellverbindungen, Begrünung oder attraktivere
Aufenthaltsbereiche am Elbufer entstehen. Die Brücke würde damit nicht nur den
heutigen Anforderungen gerecht werden, sondern auch Spielräume für die Stadt von
morgen offenhalten.
Der Prozess geht nun in die nächste Phase: Anfang Juni berät ein unabhängiges
Expertengremium unter Leitung von Prof. Marx über die Entwürfe. Ab dem 13. Juni
startet für fünf Wochen eine umfangreiche Bürgerbeteiligung mit der Möglichkeit, bei
„CarolaVOTE“ für einen Favoriten abzustimmen, sowie mehreren Brückencafés zum
Austausch mit Planenden und Verwaltung. Die Entwürfe können zudem täglich in der
Agora des Stadtforums besichtigt werden. Mitte August wird das Begleitgremium unter
Berücksichtigung der Ergebnisse aus Fach- und Bürgerbeteiligung eine Empfehlung an
den Stadtrat formulieren.
Die endgültige Entscheidung soll Anfang September im
Stadtrat fallen, der die freie Wahl hat und sich letztendlich auch gegen die
Empfehlungen entscheiden kann.