Zwischen Springfröschen, Schmetterlingszauber und Singsang am Lagerfeuer
Ein Sommer beim deutsch-tschechischen Elbauencamp – Wo Umweltbildung zum echten Abenteuer wird
Die Knie im kühlen, plätschernden Bachwasser, der frische Duft von Kiefernharz in der Sommerluft und eine schimmernde Libellenlarve, die neugierig über die Handfläche krabbelt: Genau solche Augenblicke beschreiben, wie moderne Umweltbildung funktioniert. Statt trockener Schulbücher und stundenlangem Stillsitzen steht hier das echte Erleben mitten in der Natur im Mittelpunkt.
Das diesjährige, grenzübergreifende und zweite deutsch-tschechische Elbauencamp wurde vom tschechischen Naturschutzbund ČSOP, dem BUND Dresden und der NAJU Dresden-Neustadt auf die Beine gestellt. Zusätzlich wurde die Woche durch fleißige Ehrenamtliche tatkräftig unterstützt. So konnten 16 Jugendliche aus Deutschland und Tschechien eine Woche lang gemeinsam in die faszinierende Natur rund um Dresden eintauchen. Besonders schön war, dass viele der Teilnehmenden auch schon letztes Jahr beim ersten Elbauencamp dabei waren.
Die Dresdner Heide & das Geheimnis des Saugartenmoors
Unsere Entdeckungstour begann mit einer Exkursion durch die Dresdner Heide. Geologisch gesehen ist die Dresdner Heide eine riesige Sanddüne, die maßgeblich durch die Eiszeit geprägt wurde. Der feine Sand rieselt leicht durch die Finger und weist meist nur eine dünne Humusschicht auf. Einst prägten auch Feuchtgebiete das Bild der Landschaft. Durch die intensivierte forstwirtschaftliche Nutzung und den Ausbau von Forstwegen wurden sie jedoch immer weiter zurückgedrängt.
Doch im Herzen der Heide stößt man auf eine faszinierende Besonderheit: Das Saugartenmoor. Uns wurde erklärt, warum hier trotz des sandigen Bodens ein Moor entstehen konnte: Direkt unter dem Moor liegt wie eine wasserundurchlässige Schüssel die Lausitzer Granitplatte. Weil das Wasser dort nicht versickern kann, konnte sich seit der Eiszeit, über 4.000 Jahre hinweg, ungestört ein Schwingrasenmoor mit mehr als drei Metern Torfmächtigkeit entwickeln. Nachdem das Moor über 80 Jahre lang entwässert worden war, wurde es 2013 mit einer Lehmplombe wieder verschlossen. Im Rahmen der sächsischen Moorstrategie werden solche wertvollen CO₂-Speicher gezielt wiedervernässt, wovon seltene Arten wie die Moosbeere, der Grasfrosch und die Ringelnatter spürbar profitieren.
Die Gewässergüteanalyse: 24 Arten gekeschert!
Gummistiefel an und ab ins Wasser! Bewaffnet mit Keschern, Lupen und Bestimmungsschlüsseln ging es an die Gewässeranalyse des Eisenbornbachs. Zu Beginn war die Sorge groß: „Finden wir im Kescher überhaupt etwas Leben?“ Doch die Skepsis wich rasch purer Faszination.
Insgesamt konnten wir sensationelle 24 unterschiedliche Taxa bestimmen! Neben filigranen Köcherfliegen- und Steinfliegenlarven spürten wir sogar seltene Wasserasseln auf. Das Antreffen von Steinfliegen und Köcherfliegen ist der beste Beweis: Das Wasser hier könnte eine gute Wasserquailität haben! Der absolute Höhepunkt war jedoch der Fund eines Springfrosches und eines Kammmolchs. Für alle Teilnehmer:innen wurde sofort greifbar, wie lebenswichtig saubere Bäche für unsere heimischen Amphibien und Insekten sind.
Die Magie der Nacht: Das Falter-Wunder im UV-Licht
Ein biologisches Highlight, das allen Teilnehmern:innen echte Gänsehaut bescherte, war der nächtliche Lichtfang. Mit einer speziellen Mischlichtlampe (Natrium, Helium und UV-Schwarzlicht) lockten wir feinfühlig die nachtaktive Insektenwelt an. Das Besondere an dieser Methode: Den Tieren passiert absolut nichts. Durch das ultraviolette Licht werden die Falter ganz ruhig und entspannt.
Der magischste Moment des Abends:
Plötzlich saß eine unserer Teilnehmerinnen wie eine Märchengestalt im Lichtkreis. Über zehn verschiedene Nachtfalter hatten sich sanft auf ihren Armen, Schultern und T-Shirt niedergelassen und blieben ganz still sitzen. Wir kramten fasziniert die Bestimmungsbücher heraus und kürten sie einstimmig zur „Schmetterlingskönigin“ des Camps!
Neophyten-Wissen, Sensen, Knöterich ziehen & die Kunst des Ringelns
Ein zentraler Schwerpunkt des Camps war das Thema Neophyten und invasive Arten. Gleich nachdem wir einem spannenden Vortrag lauschten, durften wir selbst aktiv werden und uns genau das aussuchen, was uns am meisten Spaß gemacht hat. Das Sensen war dabei für viele ein essenzielles Erlebnis: Unter fachkundiger Anleitung lernten wir die richtige Führung aus der Hüfte sowie das Wässern und Wetzen der Klinge. Ein anderes Team widmete sich dem Japanischem Staudenknöterich und grub die tiefen Wurzeln komplett aus der Erde, um heimischen Pflanzen wieder Platz zu schaffen. Genauso wichtig war die Technik des Ringelns: Dabei werden invasive, verdrängende Baumarten, wie die Roteiche, gezielt geschwächt, indem ein Teil der Borke unterbrochen wird, damit sie unsere einheimischen Arten nicht weiter gefährden. Wir verstanden schnell, warum aus dem resultierenden Totholz neues Leben entsteht: Pilze, Insekten und Moos finden in dem morschen Holz eine wertvolle ökologische Nische.
Elbexkursion, Biber-Schutz & Kulturgenuss
Bei einer Expedition entlang der Elbe setzten wir mit der Fähre Richtung Schloss Pillnitz über und beobachteten mit Ferngläsern die geschützten Elbinseln: den einzigen Ort in der Region mit einer echten Graureiherkolonie in einem Fließgewässer! Spannend und zum Denken anregend war auch, dass 16 von 18 Elbinseln durch die Begradigung für den Schiffsverkehr verloren gegangen sind. Heute bieten die verbliebenen zwei Elbinseln sowie die durch den Flussbau entstandenen Elblachen unverzichtbare Rückzugsräume: Während die Inseln ungestörte Brutplätze für Vögel sichern, sind die Elblachen zum wertvollen Lebensraum für Biber, Glattnattern und Wechselkröten geworden.
Auch die Kultur kam nicht zu kurz: Bei einem Abstecher ins Dresdner Albertinum wandelten wir auf den Spuren der Romantik rund um Caspar David Friedrich und entdeckten auf dem Friedhof direkt am „Haus der Natur“ sogar echte Waldohreulenfedern in der Nähe seines Grabes! Im „Haus der Natur“ selber durften wir schließlich Riesenechsen, Schlangen und Berber-Skinke hautnah erleben. Während diese Tiere bei vielen oft mit Angst behaftet sind, zeigten sie sich völlig friedlich und erkundeten neugierig ihr Gegenüber, ohne auch nur die geringste Bedrohung darzustellen.
Abende im Kerzenschein
Wenn die Sonne langsam hinter den Elbwiesen versank, begann ein besonders schöner Teil des Tages. Kurzerhand stellten wir viele Kerzen im Kreis auf, die ein stimmungsvolles Licht zauberten. Im Kerzenschein saßen wir gemütlich zusammen, musizierten auf Deutsch, Tschechisch sowie Englisch und lauschten gebannt den Geschichten unserer tschechischen Teilnehmenden. Sie gaben uns in einem spannenden Vortrag Einblicke in die tschechische Pfadfinderkultur und machten spürbar, wie aus diesem Hobby eine Gemeinschaft für das ganze Leben werden kann.
Ermöglicht und gefördert wurde das grenzüberschreitende Camp durch das Interreg-Projekt „Elbauen – Labské luhy“.