Regionalgruppe Dresden

Bericht zur Offenen Werkstatt – Regenwasserrückhalt und Biodiversität

06. Februar 2024 | Schwammstadt

Am 2. und 3. Februar fand im Projekt „Biodiverse Schwammstadt Dresden“ unsere Offene Werkstatt zum Thema Regenwasserrückhalt und Biodiversität statt. Auftakt der Werkstatt waren drei Fachvorträge am Freitag Abend. Am Samstag wurden zunächst die fünf Schwammstadt-Pilotmaßnahmen vorgestellt, die wir gemeinsam mit unseren Projektpartner:innen im Stadtgebiet umsetzen wollen. Im Anschluss wurden für jedes der Projekte biodiversitätsfördernde Maßnahmen bestimmt.

Eröffnet wurden die Fachvorträge am Freitag Abend von Prof. Arne Cierjacks (HTW Dresden) mit dem Thema „Biodiversität und Ökosystemleistungen“. Er wies auf die „Hotspots der Biodiversität“ hin, die sich auf städtischen Brachen finden lassen und vor allem durch natürliche Verjüngung und Sukzession (gleichzeitiges Vorkommen vielfältiger Pflanzen- und Tierarten in verschiedenen Entwicklungsstadien in einem Ökosystem) entstehen. Ebenfalls thematisiert wurde das Potenzial der Brachflächen, den Wasserhaushalt und das Klima der Stadt zu verbessern. Auch Gründächer schaffen zusätzliche Biodiversität. Wobei eine hohe Biodiversität auf Gründächern diese auch resilienter (widerstandsfähiger) gegen drohende Trockenheit macht.
Daran anschließend referierte Dr. Peter Otto (Uni Leipzig) über „Biodiversität auf Gründächern“. Er ging speziell auf die Faktoren für das Gelingen von Biodiversität auf Gründächern ein. Faktoren dafür sind eine Mindest-Substrathöhe, die Schaffung von Rückzugs- und Reproduktionsorten für Insekten, sowie die Verwendung möglichst heimischer, blühfreudiger Pflanzensorten.
Abgerundet wurden die Vorträge von Prof. Hauck (TU Wien) über „Bedarfe von Tieren in urbaner Planung“. Er hob die Notwendigkeit hervor, Zielarten zu bestimmen, sowie deren Lebensraumansprüche über den gesamten Lebenszyklus zu berücksichtigen (Nahrungssuche, Nistorte, Paarung, Überwinterung etc.). Anhand praktischer Beispiele erläuterte er auch die Notwendigkeit, Projekte von der Planung über die Umsetzung bis hin zum Monitoring zu begleiten.

Am Samstag wurden zu Beginn der ganztägigen Werkstatt zunächst die fünf Pilotmaßnahmen für die biodiverse Schwammstadt Dresden vorgestellt, die wir gemeinsam mit Projektpartnern umsetzen werden. Konkret handelt es sich dabei um drei (Fassaden-)Begrünungen mit Dachwassernutzung (Projektpartner: die GEH8 KUNST RAUM ATELIERS gUG(mbH), der Hechtgarten und ein Privathaushalt in Reick), eine Versickerungsmulde mit Biodiversitätspflanzungen (Projektpartner: die RBG Runte GmbH) und eine Beetanlage mit Dachwassernutzung (Projektpartner: Louise – Haus für Kinder, Jugendliche und Familien). Wir werden uns dabei finanziell und beratend einbringen. (mehr zur Auswahl der Projekte)

Tagesaufgabe war, unter fachlicher Begleitung von Prof. Arne Cierjacks und Prof. Thomas Hauck mit den Projektpartnern und einigen weiteren Interessierten für jedes der fünf Projekte biodiversitätsfördernde Maßnahmen zusammenzustellen. Darüber hinaus sollten auch die Inhalte für einen allgemeinen Leitfaden zum Thema Regenwasserrückhalt und Biodiversität erarbeitet werden.

Zunächst wurde mit der Kopfstand-Methode gearbeitet. Die Teilnehmer:innen sollten für die fünf Projekte konkret, sowie für den Leitfaden im Allgemeinen, NICHT die Frage beantworten, wie man zu einer hohen Biodiversität kommt – sondern wie man Biodiversität möglichst VERHINDERN kann. Alle beteiligten sich kreativ und es fielen Antworten wie „strukturelle Monotonie“, „Sukzession verhindern“, „Brachen zubauen“, „Begrünung ohne Blüten und Früchte“, „Nistkästen und Insektenhotels, aber keine Nahrungspflanzen“, „Hecken zu falschen Zeitpunkten schneiden“ und auch „Ordnung/zu viel Pflege“. Für den Leitfaden wurde auch gefragt, wie man Widerstand erzeugen kann („Bürokratie“, „Gefahren erzeugen“, „nichts erklären/niemanden beteiligen“, „lieblose Gestaltung“, „Ängste schüren“ oder „stinkende Elemente“) und wer „sabotieren“ kann (von „Umwelt- und Grünflächenamt“ über „Gärtner:innen“, „Anwohner:innen“, „Regelwerke“ bis hin zu „jeder“).

Nach der Mittagspause wurde die Arbeit wieder vom Kopf auf die Füße gestellt. In Arbeitsgruppen wurde jedes Projekt unter die Lupe genommen und spezifische, zum konkreten Standort passende Maßnahmen zusammengestellt. Dazu gehört vor allem die Auswahl standortgerechter, strukturvielfaltschaffender Pflanzen bzw. Bepflanzungen und passender Elemente für Lebensräume ausgewählter Tierarten (z. B. Nistkästen für Vögel und Fledermäuse, Totholzhaufen für Insekten und Kleintiere, die Pflanzung nachtblühender Arten speziell für Nachtfalter, Lehmblöcke und ausgewählte Blumen für Wildbienen).

Für die Inhalte des Leitfadens wurden drei thematische Säulen identifiziert. Sowohl ökologische Alspekte, als auch soziale Dynamiken und allgemeine Rahmenbedingungen können das Entstehen einer biodiverse Schwammstadt begünstigen – oder behindern.
Im Bereich der ökologischen Aspekte wurde u. a. gefordert: „Sukzession zulassen, Überpflegung vermeiden, nicht heimische Pflanzen in urbaner Biodiversität akzeptieren und bei heimischen Pflanzen auf regionales Saatgut achten“.
Im Bereich sozialer Dynamiken steht an zentraler Stelle die Beteiligung der Anwohner:innen und das Ernstnehmen von Ängsten. Mensch-Biodiversitätskonflikte müssen adressiert und moderiert werden. Weiterbildung, Monitoring und geführtes Naturerleben können Vorbehalte abbauen und Vertrauen schaffen. Aber auch der Wunsch der Menschen nach geordneter Schönheit und einem kulturellen Rahmen für die Wildnis fand Eingang in den Forderungskatalog.
Als förderliche allgemeine Rahmenbedingungen wurden neben unbürokratischen Genehmigungsprozessen auch die Überarbeitung von Satzungen, Normen und Förderrichtlinien hinsichtlich Biodiversität gefordert. So sollte nach Einschätzung der Teilnehmenden eine größere Vielfalt von Schwammstadtbauweisen (Gründachaufbau und -substrate mit mehr natürlichen Materialien) angeregt werden, ein besserer Schutz für Brachflächen geschaffen und Tiere ganzheitlich in Planungsprozesse integriert werden (Vogelschutz an Glasfassaden, künstliche Niststrukturen etc.).

Mit der Präsentation der Ergebnisse und einem Ausblick endete die Offene Werkstatt. Die gesamte Veranstaltung wurde mittels einem tollen graphic recording von Henrike Terheyden aufgezeichnet. Wir haben uns sehr über die vielen engagierten Teilnehmer:innen mit viel Fachwissen und unterschiedlichen Perspektiven gefreut – und hoffen auf weitere Zusammenarbeit. Die detaillierten Ergebnisse der Werkstatt werden wir im Laufe der nächsten Wochen auf unseren Internet-Auftritten präsentieren.

Pressemitteilung „Lebenswerte Städte brauchen Regenwasserrückhalt mit Artenvielfalt“ vom 06.02.24

Zum Projekt „Biodiverse Schwammstadt Dresden“

Kontakt: Hanna Witte, Projektreferentin | hanna.witte (at) bund-dresden.de

Das Projekt „Biodiverse Schwammstadt Dresden“ wird gefördert durch die Deutsche Postcode Lotterie, die Naturstiftung David und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt.

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